Eine Reuters-Untersuchung hat die Sicherheitsaussagen von Teslas Full Self-Driving (FSD) zum ungünstigsten Zeitpunkt ins Rampenlicht gerückt. Mithilfe von Anfragen zur Einsicht in öffentliche Unterlagen erhielt die Nachrichtenagentur Behördenmitteilungen, die zeigen, dass Tesla im Rahmen seiner Kampagne zur Sicherung der FSD-Zulassung in ganz Europa selbst zusammengestellte Sicherheitsstatistiken bei den Straßenverkehrsbehörden in Schweden und den Niederlanden eingereicht hat. Der Europäische Verkehrssicherheitsrat (ETSC) und unabhängige Forscher für Straßenverkehrssicherheit haben die Daten seitdem geprüft – und ihr Urteil ist vernichtend: Die Statistiken sind so strukturiert, dass FSD weitaus sicherer aussieht, als es ein ehrlicher Vergleich zulassen würde.
Die Zahlen im Mittelpunkt des Streits
Tesla hat seinen regulatorischen Fall auf zwei Schlagzeilenzahlen aufgebaut:
- Mit FSD ausgestattete Fahrzeuge sind bis zu 10x sicherer als menschliche Fahrer
- Das durchschnittliche unfallfreie Intervall für FSD-Fahrzeuge ist 7x länger als der US-Flottendurchschnitt
Dies sind keine erfundenen Zahlen. Sie stammen aus Teslas eigenem, riesigem Datensatz. Der Streit dreht sich nicht darum, ob die Daten existieren – sondern darum, ob die Vergleiche fair konstruiert sind.
Der Ermittler der schwedischen Verkehrsbehörde, Anders Eriksson, formulierte es deutlich: "Schwedische Regulierungsbehörden schauen nicht nur auf die Schlagzeile eines Berichts. Jede Bewertung eines solchen automatisierten Fahrsystems wird sich absolut nicht ausschließlich auf die vom Unternehmen selbst verpackten Sicherheitsaussagen verlassen, sondern auf umfassende Beweise."
Das ETSC und andere europäische Forscher gingen noch weiter und nannten die eingereichten Statistiken "irreführendes Marketing" und "unzuverlässige Pseudodaten".
Drei statistische Probleme, die die Behauptungen untergraben
1. Äpfel mit Birnen vergleichen: Nicht übereinstimmende Unfalldefinitionen
Teslas Sicherheitsberichte zählen auf der FSD-Seite des Vergleichs nur Unfälle, die schwer genug sind, um den Airbag auszulösen. Auf der anderen Seite verwenden sie die nationale US-Unfallrate – die jeden gemeldeten Vorfall umfasst, von schweren Kollisionen bis hin zu kleineren Parkplatzschrammen und Auffahrunfällen bei niedriger Geschwindigkeit, die niemals einen Airbag auslösen würden.
Die Mathematik ist einfach: Wenn Sie Ihre eigenen Daten so filtern, dass sie nur die schlimmsten Unfälle enthalten, während Sie Ihren Konkurrenten anhand aller Unfälle messen, werden Ihre Zahlen dramatisch besser aussehen. Ein legitimer Vergleich würde denselben Schweregrad auf beide Datensätze anwenden.
2. Neue Autos vs. alte Autos – nicht FSD vs. kein FSD
Der durchschnittliche US-Flottenwert, den Tesla als Basis verwendet, ist genau das: ein Durchschnitt aller Fahrzeuge auf amerikanischen Straßen. Dazu gehören alternde Pickups, Motorräder, kommerzielle Lastkraftwagen und Personenkraftwagen, die lange vor der Verbreitung von automatischen Notbremssystemen, Auffahrwarnsystemen und modernen strukturellen Sicherheitsstandards hergestellt wurden. Das durchschnittliche US-Fahrzeug ist etwa 12 Jahre alt.
Teslas FSD-Fahrzeuge sind per Definition Neuwagen, die mit der fortschrittlichsten verfügbaren passiven Sicherheitstechnologie ausgestattet sind. Der Vergleich eines brandneuen Teslas mit einem Flottendurchschnitt, der Lkw aus dem Jahr 2003 umfasst, misst nicht den Sicherheitsvorteil von FSD. Er misst den Sicherheitsvorteil des Fahrens eines Neuwagens – und schreibt dann die gesamte Differenz der Software zu.
3. Wer nutzt FSD wirklich?
Die Fahrer, die sich für FSD entscheiden, sind kein zufälliger Querschnitt der amerikanischen Autofahrer. Sie sind tendenziell technikaffiner, besser über die Fähigkeiten und Grenzen des Systems informiert und aktivieren FSD eher unter den strukturierten, gut kartierten Bedingungen, unter denen es zuverlässig funktioniert. Dieser Selbstselektionseffekt bedeutet, dass diese Gruppe selbst ohne eingeschaltetes FSD eine niedrigere Unfallrate als der Landesdurchschnitt aufweisen könnte. Die Daten können nicht zwischen "FSD macht das Fahren sicherer" und "vorsichtige, technisch versierte Fahrer, die FSD nutzen, sind bereits sicherere Fahrer" unterscheiden.
Warum der Zeitpunkt wichtig ist
Diese Kontroverse kommt zu einem besonders heiklen Zeitpunkt in Teslas europäischem Regulierungsbestreben. Die niederländische RDW – die federführende europäische Behörde, die FSD bewertet – erteilte Anfang dieses Jahres die Genehmigung für niederländische Tests. Schweden genehmigte separat überwachte FSD-Tests auf öffentlichen Straßen. Tesla hat die FSD-Demonstrationen auf dem gesamten Kontinent ausgebaut, in Erwartung des Preises, auf den es hingearbeitet hat: eine paneuropäische, grenzüberschreitende Genehmigungsabstimmung, die es FSD ermöglichen würde, in den EU-Mitgliedstaaten unter einem einzigen, einheitlichen Rahmen zu operieren.
Die Reuters-Untersuchung und die öffentliche Reaktion des ETSC haben eine Komplikation eingeführt, die die europäischen Regulierungsbehörden nicht einfach beiseitelegen können. Wenn die zur Unterstützung der Genehmigung vorgelegten Sicherheitsdaten methodisch fehlerhaft sind, muss der Genehmigungsprozess entweder bessere Beweise verlangen oder auf einer schwächeren Grundlage voranschreiten. Keines der Ergebnisse ist für Tesla oder die Regulierungsbehörden selbst angenehm.
Was die Daten uns sagen – und was nicht
Es ist wichtig, nicht zwei getrennte Fragen zu einer zusammenzufassen:
Macht FSD das Fahren sicherer? Wahrscheinlich ja, unter den Bedingungen, für die es entwickelt wurde, und für die Gruppe von Fahrern, die es nutzen. Teslas FSD-Flotte hat inzwischen über 8 Milliarden überwachte Meilen zurückgelegt – ein Datensatz, der, methodische Vorbehalte beiseite, ein echtes Sicherheitssignal enthält. Kein glaubwürdiger Analyst bestreitet, dass die Technologie keinen Wert hat.
Ist FSD spezifisch 10x sicherer als der durchschnittliche amerikanische Fahrer? Diese Behauptung, so wie sie formuliert ist, hält einer genauen Prüfung nicht stand. Die 10x-Zahl hängt von Vergleichsentscheidungen ab – Filterung nach Schweregrad, Flottenzusammensetzung, Benutzer-Selbstselektion –, die das Ergebnis alle systematisch zugunsten von Tesla beeinflussen. Ändert man eine dieser Entscheidungen zu einem neutraleren Standard, schrumpft der Multiplikator erheblich.
Für alltägliche Verbraucher mag diese Unterscheidung akademisch erscheinen. Für europäische Regulierungsbehörden ist sie die gesamte Frage. Sie werden nicht gefragt, ob FSD einen gewissen Sicherheitswert hat. Sie werden gefragt, ob es spezifische, quantifizierbare Sicherheitsschwellenwerte erfüllt, die für den öffentlichen Straßenverkehr in Dutzenden von Ländern erforderlich sind. Für diese Bestimmung ist die Methodik kein Fußnote – sie ist das Fundament.
Was als Nächstes passiert
Die Reuters-Untersuchung stoppt den europäischen Genehmigungsprozess nicht. Sie erschwert ihn. Mehrere Wege nach vorne sind plausibel:
Am wahrscheinlichsten: Die Regulierungsbehörden fordern unabhängige Crash-Daten von Drittanbietern unter Verwendung konsistenter Schweregraddefinitionen und einen Vergleich mit einer angepassten Fahrzeugkohorte – gleiches Alter, gleiche passive Sicherheitsausstattung – anstatt der gesamten US-Flotte. Dies verzögert die paneuropäische Abstimmung um Monate.
Möglich: Tesla legt eine überarbeitete Methodik mit konservativeren Vergleichsstandards vor. Die überarbeiteten Zahlen würden fast sicher einen geringeren Sicherheitsvorteil zeigen – aber einen glaubwürdigen, der letztendlich Teslas langfristigen regulatorischen Interessen besser dienen könnte als überhöhte Zahlen, die diese Art von Prüfung hervorrufen.
Weniger wahrscheinlich: Einzelne Länder verfahren unabhängig nach ihren eigenen Zeitplänen, wodurch ein fragmentiertes Flickwerk von Genehmigungen entsteht, während die paneuropäische Abstimmung stagniert.
Das große Ganze
Die Kernfrage ist hier nicht, ob Teslas FSD gefährlich ist. Die Beweise deuten darauf hin, dass dies nicht der Fall ist. Die Frage ist, ob das Unternehmen sich entschieden hat, seine Sicherheitsdaten den Regulierungsbehörden im schmeichelhaftesten Licht anstatt im genauesten darzustellen – und ob die europäischen Regulierungsbehörden, die sich nun der methodischen Probleme bewusst sind, dies als ausreichende Grundlage für die Genehmigung akzeptieren werden.
Die Charakterisierung der Daten durch das ETSC als "irreführendes Marketing" ist eine spitze Formulierung für eine technische Sicherheitsbehörde, die in einem offiziellen Kontext verwendet wird. Sie signalisiert, dass die Beweislast für die europäische FSD-Zulassung gerade höher geworden ist, unabhängig davon, was die zugrunde liegenden Daten letztendlich zeigen werden, wenn sie fair gemessen werden.
Tesla mag durchaus ein wirklich sichereres Fahrsystem entwickelt haben. Der Beweis dafür erfordert jedoch Zahlen, die einer unabhängigen Prüfung standhalten – nicht Zahlen, die optimiert sind, um zu beeindrucken.